«Mich kennt doch niemand.» Diesen Satz höre ich von den Familien, die mein Team schützt, regelmässig. Er fällt meist in der eigenen Küche, mit Blick auf den Garten, an dem Ort, an dem man sich am sichersten fühlt. Genau dort liegt das Problem. Das Zuhause ist der einzige Ort, dessen Adresse sich nicht ändert, an den man jeden Tag zurückkehrt und an dem Abläufe so selbstverständlich werden, dass niemand mehr über sie nachdenkt. Wer vermögend ist, ist für Dritte interessant, ob er in der Öffentlichkeit steht oder nicht. Grundbucheinträge, Firmenregister, Social-Media-Beiträge der Kinder, ein Lieferant, der zu viel erzählt: Ein Profil entsteht schneller, als die meisten glauben. Das muss im Residenz- und Personenschutz bedacht sein.
Autor: Michael Braun, Founder & CEO, MSB Protection
Das Gefühl von Sicherheit und die tatsächliche Exposition klaffen zu Hause oft am weitesten auseinander. Im Folgenden beschreibe ich Situationen, mit denen wir in der Praxis immer wieder konfrontiert sind, und wie wir ihnen begegnen.
Die rote Zone: Anfahrt, Ankunft, Abfahrt
Jedes Anwesen hat eine Zone, die man nicht umgehen kann: die letzte Strasse vor der Einfahrt, das Tor, die Auffahrt. Hier muss jedes Fahrzeug langsamer werden, hier ist der Weg vorhersehbar, hier gibt es kaum Ausweichmöglichkeiten. Wir nennen diesen Bereich die rote Zone.
Dass dies keine Theorie ist, hat der deutschsprachige Raum schmerzhaft erlebt. Am 5. September 1977 stoppte ein Kommando der RAF in Köln-Braunsfeld die Fahrzeuge von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer auf dem Heimweg mit einem rückwärts auf die Fahrbahn gesetzten Wagen, nur wenige Strassen von seiner Wohnung entfernt. Sein Fahrer Heinz Marcisz und die Polizeibeamten Reinhold Brändle, Roland Pieler und Helmut Ulmer wurden erschossen, Schleyer entführt und später ermordet (WDR-Archiv). Die Täter hatten seine Gewohnheiten zuvor ausgekundschaftet. Der Angriff erfolgte dort, wo der Weg vorhersehbar war: kurz vor dem Ziel.
Deshalb fährt kurz vor jedem Transport unserer Schutzperson der Advance Agent die gesamte rote Zone ab. Zusätzlich wird die rote Zone, wann immer möglich, mindestens aber vor Schichtbeginn und nach Schichtende jedes Personenschützers, kontrolliert. So sieht das Team mit eigenen Augen, was neu ist: ein Fahrzeug, das dort nicht hingehört, eine Baustelle, ein Lieferwagen, der zum dritten Mal am selben Ort parkt. Während des Tages wird die Strasse, die zur Einfahrt führt, überwacht. Kennzeichen und auffällige Fahrzeuge werden erfasst. Daraus entsteht mit der Zeit eine Baseline, also ein klares Bild davon, was in dieser Strasse normal ist. Erst wer das Normale kennt, erkennt die Abweichung.

Das Tor: früh auf, schnell zu
Ein Tor schützt nur, solange es geschlossen ist. Der kritischste Moment ist deshalb die Durchfahrt selbst. Bei uns öffnet sich das Tor frühzeitig, damit das Fahrzeug ohne Halt auf der Strasse einfahren kann, und es schliesst sofort wieder. Ein Personenschützer positioniert sich dabei so, dass er im Weg steht, damit niemand hinter dem Fahrzeug mit hineinschlüpft. Er steht mit Blick zur Strasse, während das Fahrzeug mit Blick nach innen einfährt. Das Fahrzeug schaut auf das Haus, der Schutz schaut auf die Strasse.
Die Haustür: Nur die Sicherheit öffnet
Ein erstaunlich grosser Teil der Risiken kommt schlicht an die Haustür: Zusteller, angebliche Handwerker, Bittsteller, Neugierige, gelegentlich auch Personen mit einer Fixierung auf ein Familienmitglied. In den Haushalten, die wir betreuen, gilt deshalb eine einfache Regel: Ausschliesslich die Sicherheit öffnet die Tür und beantwortet die Klingel, in der Regel über eine Gegensprechanlage wie ein System von 2N. Weder die Familie noch das Hauspersonal führen Gespräche an der Tür. Das entlastet alle und verhindert, dass ein freundliches Gespräch mehr verrät, als es sollte.
Schulwege: Routine ist der Feind
Nichts ist so regelmässig wie der Schulweg. Gleiche Zeit, gleicher Ort, jeden Tag. Für Kinder vermögender Familien setzen wir deshalb einen sicherheitsgeschulten Fahrer für das Bringen und Abholen ein. Er wird von einer Einsatzzentrale im Anwesen unterstützt, mit der er während der gesamten Fahrt in ständiger Verbindung steht. Verspätet sich ein Kind, ändert sich eine Route oder fällt am Schultor etwas auf, weiss die Zentrale es sofort und kann reagieren.
Kameras, die im falschen Moment schweigen
Viele moderne Kamerasysteme funken über WLAN. Das ist bequem, aber WLAN lässt sich mit einem Störsender unterdrücken. Eine Kamera, die genau dann kein Bild liefert, wenn sie gebraucht wird, erzeugt falsche Sicherheit. Kritische Kameras, etwa an Tor, Einfahrt und Eingängen, verkabeln wir deshalb fest und konfigurieren sie so, dass ein Signalverlust sofort einen Alarm auslöst. Ein ausgefallenes Bild ist dann keine Lücke mehr, sondern eine Meldung.
Vorbereitung auf den Ernstfall
Nicht jede Bedrohung kommt von Menschen. Waldbrände, Unwetter oder ein Gasleck können eine Familie innerhalb von Minuten aus dem Haus zwingen. Wir bereiten deshalb für jeden Haushalt gepackte Notfalltaschen mit einer Checkliste vor: Wertsachen, Portemonnaies und Karten, wichtige Dokumente, Medikamente, und, oft vergessen, die Hunde samt Leinen. Dazu kommen ein festgelegter Sammelpunkt, bereitgestellte Fahrzeuge in Fahrtrichtung und ein definierter Schutzraum im Haus für den Fall, dass ein Verlassen nicht möglich ist. Im Ernstfall denkt niemand klar. Deshalb muss das Denken vorher erledigt sein.
Das Gefühl ist kein Massstab: Residenz- und Personenschutz braucht mehr
Das eigene Zuhause soll ein Ort der Ruhe sein, und das kann es auch bleiben. Aber Ruhe entsteht nicht dadurch, dass man das Risiko ignoriert, sondern dadurch, dass Fachleute es im Hintergrund konsequent managen. «Mich kennt doch niemand» ist kein Schutzkonzept. Wer die rote Zone kennt, das Tor im Griff hat, die Tür kontrolliert und auf den Ernstfall vorbereitet ist, kann sich zu Hause tatsächlich sicher fühlen, und nicht nur so.