Auf den ersten Blick scheint der Arbeitsschutz in vielen Unternehmen gut organisiert zu sein. Persönliche Schutzausrüstung steht zur Verfügung, Gefährdungsbeurteilungen werden erstellt und Beschäftigte regelmässig unterwiesen. Auch gesetzliche Vorgaben schaffen klare Rahmenbedingungen. Dennoch reichen diese Massnahmen allein nicht aus, um Risiken und Arbeitsunfälle dauerhaft zu minimieren. Entscheidend ist nicht nur, was vorgeschrieben ist, sondern wie konsequent Sicherheit im Arbeitsalltag tatsächlich gelebt wird.
Autor: Stefan Ganzke
Der Grund liegt häufig nicht in fehlenden Regelwerken, sondern in wiederkehrenden Abläufen. Was anfangs mit grosser Vorsicht erledigt wird, entwickelt sich mit der Zeit zur Routine. Unter Zeitdruck werden Arbeitsschritte verkürzt, Schutzausrüstung für einen Moment abgelegt oder Vorgaben als unnötig aufwendig empfunden. Solche Entscheidungen entstehen meist nicht aus bewusster Leichtsinnigkeit, sondern aus Gewohnheit. Sind Prozesse zudem unpraktisch gestaltet oder lassen sich Schutzmassnahmen nur mit zusätzlichem Aufwand umsetzen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Beschäftigte nach einfacheren Lösungen suchen.
Wie sich unsichere Routinen im Arbeitsalltag entwickeln
Die meisten Arbeitsunfälle entstehen dabei nicht durch bewusstes Fehlverhalten. Häufig entwickeln sich riskante Verhaltensweisen schleichend. Werden Tätigkeiten über lange Zeit ohne Zwischenfall ausgeführt, kann der Eindruck entstehen, kleinere Abweichungen seien unproblematisch. Aus einer einmaligen Ausnahme wird so eine Gewohnheit, die irgendwann kaum noch hinterfragt wird.
Gerade unter Zeitdruck verstärkt sich dieser Effekt. Wer für einen kurzen Handgriff auf die Schutzbrille verzichtet oder einen vorgesehenen Sicherungsschritt auslässt, erlebt oft keine unmittelbaren Folgen. Genau das kann die riskante Entscheidung bestätigen und dazu führen, dass sie wiederholt wird. Mit jeder Wiederholung sinkt die wahrgenommene Gefahr, obwohl das tatsächliche Risiko bestehen bleibt.
Erschwerend kommt hinzu, dass Beinaheunfälle und unsichere Situationen vielerorts nicht konsequent angesprochen werden. Dabei liefern gerade solche Ereignisse wichtige Hinweise auf Schwachstellen in Abläufen, Prozessen oder Verhaltensweisen. Werden sie systematisch ausgewertet, können Unternehmen Gefährdungen erkennen und beheben, bevor daraus ein schwerer Unfall entsteht. Deshalb sollte nicht erst der meldepflichtige Vorfall zum Anlass werden, bestehende Routinen zu hinterfragen. Je früher kleine Abweichungen sichtbar werden, desto eher lassen sich Ursachen beseitigen, ohne dass dafür erst ein Unfall eintreten muss.
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Warum Führungskräfte den Unterschied machen
Ob Arbeitsschutz im Unternehmen tatsächlich gelebt wird, hängt wesentlich von den Führungskräften ab. Sie prägen durch ihr tägliches Handeln, welche Prioritäten im Team gelten. Beschäftigte orientieren sich nicht nur an schriftlichen Anweisungen, sondern auch daran, welches Verhalten im Alltag akzeptiert wird. Werden Sicherheitsregeln konsequent eingehalten und behalten sie auch unter Zeitdruck ihren Stellenwert, setzt das ein klares Signal.
Umgekehrt können kleine Zugeständnisse unsichere Routinen fördern. Bleiben Verstösse unbeachtet oder werden Abkürzungen stillschweigend akzeptiert, entsteht leicht der Eindruck, dass Sicherheit im Zweifel hinter Produktivität zurückstehen darf. Solche Entwicklungen werden häufig erst sichtbar, wenn es bereits zu einem Unfall oder einer gefährlichen Situation gekommen ist.
Deshalb reicht es nicht, Führungskräfte ausschliesslich über rechtliche Pflichten zu informieren. Sie müssen Sicherheit im Arbeitsalltag aktiv gestalten können. Dazu gehört, Risiken gemeinsam mit Beschäftigten zu besprechen, sichere Arbeitsweisen immer wieder anzusprechen und auffällige Verhaltensweisen frühzeitig aufzugreifen. Regelmässige Sicherheitsgespräche helfen dabei, das Thema präsent zu halten und Gefährdungen zu erkennen, bevor sich problematische Gewohnheiten verfestigen.
Sicherheitskultur entsteht nicht durch Einzelmassnahmen
Neue Schutzausrüstung, angepasste Betriebsanweisungen oder zusätzliche Unterweisungen sind wichtige Bestandteile des Arbeitsschutzes. Dauerhafte Veränderungen entstehen jedoch erst, wenn solche Massnahmen in einen ganzheitlichen Ansatz eingebettet sind. Einzelaktionen können unsichere Routinen kaum verändern, solange Arbeitsabläufe, Führung und tägliches Verhalten unverändert bleiben.
Ebenso wichtig ist ein offener Umgang mit Fehlern und Beinaheunfällen. Statt nach einem Vorfall vorschnell nach Verantwortlichen zu suchen, sollten Unternehmen analysieren, wie es dazu kommen konnte. Nicht selten liegen die Ursachen auch in organisatorischen Schwachstellen oder Prozessen, die sich in der Praxis nur schwer sicher umsetzen lassen. Eine konstruktive Fehler- und Meldekultur schafft die Voraussetzung dafür, dass Beschäftigte Beobachtungen offen ansprechen und Unternehmen daraus lernen können.
Auch die Mitarbeitenden selbst sollten in die Weiterentwicklung des Arbeitsschutzes einbezogen werden. Wer täglich an Maschinen arbeitet oder bestimmte Abläufe ausführt, erkennt praktische Schwierigkeiten häufig früh. Werden diese Erfahrungen berücksichtigt, entstehen Lösungen, die sich im Alltag besser umsetzen lassen und eher akzeptiert werden. So wird Sicherheit nicht nur angeordnet, sondern gemeinsam gestaltet. Gleichzeitig steigt die Chance, dass neue Schutzmassnahmen nicht als zusätzliche Belastung wahrgenommen werden, sondern sich sinnvoll in bestehende Arbeitsabläufe einfügen.
Fazit
Schutzvorschriften, technische Massnahmen und Unterweisungen bilden die Grundlage eines wirksamen Arbeitsschutzes. Ob sie Arbeitsunfälle tatsächlich verhindern, entscheidet sich jedoch im täglichen Handeln. Erst wenn Führungskräfte Sicherheit konsequent vorleben, Beschäftigte Risiken offen ansprechen und unsichere Routinen frühzeitig hinterfragt werden, entfalten Regeln ihre volle Wirkung. Arbeitssicherheit ist deshalb keine einmalige Pflicht, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der Organisation, Führung und Belegschaft gleichermassen betrifft.
Über Stefan Ganzke und die WandelWerker Consulting GmbH:
Stefan Ganzke ist zusammen mit Anna Ganzke Gründer und Geschäftsführer der WandelWerker Consulting GmbH. Gemeinsam mit ihrem Team unterstützen die beiden mittelständische Unternehmen und Konzerne dabei, die Arbeitsunfälle kontinuierlich und nachhaltig zu senken sowie eine gelebte Arbeitsschutzorganisation zu entwickeln.
