Donnerstag, 14. Mai 2026
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Nur wenige wissen, dass es den Beruf «Risikoingenieur» oder englisch «Risk Engineer» überhaupt gibt und noch viel weniger bekannt ist, welche Tätigkeiten genau damit verbunden sind. Dabei handelt es sich um einen äusserst vielseitigen und abwechslungsreichen Job, den in der Schweiz nur ein paar Dutzend Personen ausüben und der sich sowohl mit aktuellen als auch zukünftigen Industrierisiken befasst. Zeit also, dieses weitgehend unbekannte Berufsbild etwas genauer auszuleuchten.

Autor: Lars Derek Mellert, Round Table Risk Engineering (RTRE)

Ursprung in der Versicherungsbranche – aber alles andere als langweilig

«Das Hauptziel eines Risikoingenieurs besteht darin, Risiken im Unternehmensversicherungsgeschäft zu identifizieren, zu analysieren und zu bewerten sowie geeignete risikomindernde Massnahmen vorzuschlagen. Damit soll eine verlässliche und fristgerechte Entscheidungsgrundlage für den Versicherer insbesondere hinsichtlich Risikoselektion und Kapazitätszuweisung geschaffen werden.»

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Na, klingt das spannend? Wohl kaum – also lasst uns die Geschichte auf eine andere Weise erzählen. London im ausgehenden 18. Jahrhundert. In einem stickigen Kaffeehaus der Innenstadt treffen sich Seefahrer, Kaufleute und Bankiers und tauschen sich über den aktuellen Welthandel aus. Es soll eine abenteuerliche Expedition in die Südsee auf die Beine gestellt werden, bei der die Erde einmal umsegelt wird und ein happiger Gewinn erwirtschaftet werden kann. Da diese Seereise allerdings sehr grosse Gefahren birgt, ist die Finanzierung nicht ohne Weiteres gesichert. Und so ersuchen die Organisatoren der Expedition verschiedene potentielle Geldgeber im Kaffeehaus, sie im Falle eines Schiffbruchs oder Piratenüberfalls finanziell zu unterstützen.

Als Gegenleistung für die Risikobeteiligung sollen alle eine angemessene Prämie erhalten. Bevor die Geldgeber der geplanten Gefahrengemeinschaft jedoch endgültig zustimmen, wollen sie das Risiko im Detail prüfen und allenfalls den Einsatz eines seetüchtigeren Schiffs, den Austausch des Skorbut-gezeichneten Kapitäns oder die Umgehung der Seeroute um das sturmgeplagte Kap Hoorn einfordern. Und weil die privaten Geldgeber noch nie an einer Erdumrundung per Schiff teilgenommen haben, können sie die damit verbundenen Risiken zu wenig fundiert einschätzen. Also wenden sie sich an einen alten Seemann am Nebentisch.

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Optimierung des Risikotransfers

Was im 18. Jahrhundert in erster Linie für Transportrisiken entstanden ist, hat sich über die Zeit auf viele verschiedene Geschäftsbereiche ausgebreitet und systematisch entwickelt. Die privaten Geldgeber von damals sind die Transport- und Sachversicherer von heute, und was früher die erfahrenen Seemänner zu berichten wussten, das liefern nun Risikoingenieure mit spezifischem Fachwissen. Das Ziel dieses Austausches zwischen Versicherern und Risikoingenieuren ist aber nach wie vor, möglichst viel über die Risiken einer Unternehmung in Erfahrung zu bringen. Versicherer wollen auf diesem Weg fundierte Geschäftsentscheidungen treffen und bereits frühzeitig spezifische Massnahmen zur Risikominimierung einfordern.

Schlussendlich möchten sie sich aber gegen böse Überraschungen schützen. Es ist nämlich keinem der Beteiligten gedient, wenn hohe Risiken eingegangen und dann blindlings überwälzt werden. Risikoingenieure tragen mit ihren Analysen und Empfehlungen somit dazu bei, dass der Risikotransfer innerhalb der Gemeinschaft optimal ausgestaltet wird: wer mehr zu einer möglichen Schadensdeckung beitragen will, soll auch mehr vom Prämienkuchen abbekommen.

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Beteiligen oder nicht beteiligen, das ist hier die Frage!

Schön und gut, aber was macht denn nun ein Risikoingenieur genau? Nehmen wir an, ein Unternehmen in der kunststoffverarbeitenden Industrie will sich gegen Feuer versichern lassen. Also wendet es sich an eine Unternehmensversicherung, die sich dann überlegt, ob sie sich an diesem Risiko beteiligen möchte. Und weil das Potential für einen Grossschaden aufgrund der Kunststoffverarbeitung vorhanden ist, wird ein Risikoingenieur hinzugezogen, der die Sache genauer unter die Lupe nehmen soll. Dazu analysiert er detailliert die Prozessgefahren, die sich aus der Tätigkeit des Unternehmens ergeben und schätzt ab, ob die vorhandenen Brandschutzmassnamen angemessen sind, um Schadenereignisse effektiv zu verhindern.

Was erst mal theoretisch klingt, hat ganz viele praktische Seiten: Idealerweise geht hierzu ein Risikoingenieur nämlich «ins Feld» zur Besichtigung des Produktionsunternehmens und bespricht alle baulichen, technischen und organisatorischen Schutzmassnahmen mit den zuständigen Personen vor Ort. Die Feststellungen, die er dabei macht, dokumentiert er in einem Risikobericht, den er dann mit einer Gesamteinschätzung (Bsp. «schlechte Risikoqualität») und einer konkreten Handlungsempfehlung (Bsp. «keine Beteiligung») dem Versicherer übergibt. Ein Risikoingenieur ist somit viel unterwegs, lernt dabei die Industriebranche kennen, hat interessante Begegnungen mit Menschen und bildet eine entscheidende Schnittstelle zwischen Versicherern und Unternehmen.

Klingt schon spannender, oder?

Ein zukunftsgerichteter Themenfächer, der seinesgleichen sucht Ein grosses Feuerereignis kann innert kürzester Zeit enorme finanzielle Verluste und Folgeschäden für ein Unternehmen anrichten. Deshalb kümmern sich Risikoingenieure in erster Linie mit Brandschutzthemen – aber nicht nur. Signifikante Sachschäden und Betriebsunterbrechungen können genauso durch Naturereignisse, Einbrüche, Diebstähle, Cyberattacken oder andere versicherte Ereignisse entstehen, weshalb auch diese im Fokus einer risikotechnischen Abklärung liegen. Je nach Fall ergibt sich dadurch eine andere Ausgangslage, die analysiert werden muss und so reicht das Themenspektrum eines Risikoingenieurs von den neusten Brandschutztechniken über Präventionsmassnahmen für Naturgefahren bis hin zu Lieferkettenanalysen. Eine thematische Bandbreite also, die in der zunehmend spezialisierten Arbeitswelt immer seltener wird.

Viele Wege führen nach Rom

Wie wird man also Risikoingenieur? Auf dem gleichen Weg, wie der alte Seemann zu Beginn der Geschichte: über Erfahrung. Es gibt nämlich kein spezifisches Studienfach, das einem Grundwissen und Methoden eines Risikoingenieurs in der Versicherungsbranche pfannenfertig vermitteln würde. Beides kann man nur über Umwege erlangen, aber die gute Nachricht ist, dass diese Umwege zahlreich sind.

Hochschulstudien in Maschinenbau, Elektrotechnik, Bauingenieurwesen oder Verfahrenstechnik aber auch naturwissenschaftliche Studienrichtungen wie Chemie, Physik, Geographie oder Umweltwissenschaften eignen sich beispielsweise besonders gut als Grundausbildung. Und wenn man dann anschliessend ein paar Jahre in der Industrie oder in der technischen Planung, Beratung oder Forschung verbracht hat, verfügt man meistens schon über eine ausreichende Erfahrung um als Risikoingenieur einer Versicherung angeheuert werden zu können. Den Rest muss man sich dann «on the job» aneignen – was zuweilen herausfordernd, aber in jedem Fall spannend ist.

Risikoingenieur: Fingerspitzengefühl und «realitätsnahe Fantasie» sind gefragt

Die grösste Herausforderung ist zuweilen, dass man sich bei diesem Beruf in der technischen Normenlandschaft zwar sehr gut auskennen muss, diese aber grundsätzlich nur zur Referenz benötigen sollte. Jeder private Versicherer nimmt sich nämlich die unternehmerische Freiheit, seine Risiken nach eigenen Massstäben zu bewerten sowie spezifische Schutzmassnahmen zu fordern, und diese weichen oftmals von den gesetzlichen Vorgaben ab.

So kann es zum Beispiel sein, dass in einem Industriebau keine Sprinkleranlage installiert ist, weil die zuständige Brandschutzbehörde diese nicht verlangt hat, aber die private Unternehmensversicherung fordert dennoch genau so eine Anlage aus risikotechnischen Überlegungen. Hinzu kommt, dass Massnahmenforderungen von Versicherungen eigentlich immer auf die Reduktion von potentiellen Grossschäden ausgerichtet sind, die bekanntlich eine geringe Wahrscheinlichkeit haben und deshalb für viele Unternehmen manchmal etwas fantasiereich und unverständlich wirken.

Die Aufgabe des Risikoingenieurs ist es also, mit Fingerspitzengefühl angemessene Empfehlungen zu formulieren und die zugrundliegenden Schadenszenarien nachvollziehbar und stets auf dem aktuellen Stand des Wissens und der Technik zu erklären. Das Ziel dabei ist immer, allen Beteiligten die ganz spezielle risikotechnische Sicht auf die Dinge vermitteln und das Denken ausserhalb von Normen und Richtlinien näher bringen zu können.

Der Kern bleibt somit unverändert: Genauso wie der alte Seebär in unserer anfänglichen Geschichte müssen Risikoingenieure heutzutage also immer noch Theorie, Erfahrung und Praxis zusammenbringen und eine plausible Geschichte erzählen. Eben: spannend!

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