Arbeitssicherheit ist in der Schweiz weit mehr als eine gesetzliche Pflicht. Sie ist ein zentraler Faktor für die Gesundheit der Mitarbeitenden und die wirtschaftliche Stabilität jedes Betriebes. Prävention spart nachweislich Geld, reduziert Risiken und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit. Dieser Artikel zeigt, warum Arbeitssicherheit nicht nur Vorschrift, sondern betriebswirtschaftlich relevanter Erfolgsfaktor ist – für Betriebe, Mitarbeitende und die gesamte Wirtschaft.
Autor: Reto Wicki, Swiss Safety Center
Gesetzliche Grundlagen: Mehr als nur eine Vorschrift
Das Unfallversicherungsgesetz (UVG) verpflichtet Arbeitgeber alle notwendigen und angemessenen Massnahmen zu treffen, um Berufsunfälle und Berufskrankheiten zu verhindern. Dazu gehören sichere Arbeitsplätze, persönliche Schutzausrüstung (PSA), der Einsatz sicherer und gewarteter Arbeitsmittel und regelmässige Schulungen. Das Arbeitsgesetz (ArG) ergänzt diese Pflicht mit klaren Vorgaben zum Gesundheitsschutz.
Diese Vorschriften sind nicht nur rechtlich verbindlich, sondern auch wirtschaftlich relevant. Jeder verhinderte Unfall schützt Personal sowie materielle und immaterielle Werte , reduziert Kosten und erhält die Leistungsfähigkeit des Betriebes.
Die rechtlichen Grundlagen sind bewusst so gestaltet, dass sie nicht nur Sicherheit gewährleisten, sondern auch praktikabel und wirtschaftlich umsetzbar sind. Der Begriff «angemessen» im Gesetz bedeutet, dass Massnahmen verhältnismässig sein müssen – also wirksam, ohne unnötige Kosten zu verursachen. Dies schafft einen klaren Rahmen für Betriebe: Sicherheit ja, aber mit Augenmass und Effizienz.
Die aktuelle Lage in Zahlen (Quelle UVG Statistik 2025)
Die Fakten zeigen, wie wichtig Prävention ist. Im Jahr 2024 wurden in der Schweiz rund 280’000 Berufsunfälle gemeldet. Das entspricht etwa 800 Unfällen pro Tag oder einem Arbeitsunfall alle 30 Minuten!
Die Unfallversicherer bezahlten 2023 rund 5,5 Milliarden Franken für Heilkosten, Taggelder und Renten. Heruntergerechnet bedeutet dies für die Betriebe, dass jeder Ausfalltag Kosten von 600 bis 1’000 Franken verursacht – und das sind nur die direkten Kosten. Hinzu kommen indirekte Kosten wie Produktionsausfälle, Terminverzug und organisatorische Mehrbelastung, welche Erfahrungsgemäss ungefähr dreimal so hoch wie die direkten Kosten sind.
Auch die Absenzenstatistik spricht eine klare Sprache: Mitarbeitende fehlen im Schnitt 7 bis 8 Tage pro Jahr wegen Krankheit oder Unfall. Diese Zahlen verdeutlichen, dass Prävention nicht nur eine Frage der Sicherheit, sondern auch der Wirtschaftlichkeit ist.
Der häufig gehörte Satz «Bei uns passiert ja nichts» ist somit deutlich widerlegt. Das Ausbleiben von Ereignissen ist kein Beweis für nicht vorhandene Risiken, sondern zeugt von Glück – aber Glück ist keine Strategie.
Warum Prävention wirtschaftlich ist
Prävention ist günstiger als Schadensbehebung. Ein paar Beispiele:
- Ein Schnittschutzhandschuh kostet 25 bis 50 Franken. Ein einziger verhinderter Ausfalltag spart 600 bis 1000 Franken – genug für 20 bis 40 Paar Handschuhe.
- Regelmässig gewartete Maschinen verhindern teure Reparaturen, minimieren Produktionsausfälle, reduzieren das Unfallrisiko und gewährleisten somit die Produktions- und Lieferbereitschaft des Betriebes.
- Schulungen fördern sicheres Arbeiten und reduzieren Fehler. Gut aus- und weitergebildete Mitarbeitende leisten sichere wie auch qualitativ hochwertige Arbeit.
- Ein funktionierendes Absenzenmanagement reduziert ebenfalls Krankheits- und Unfalltage. Denn dadurch müssen keine zusätzlichen, ungeplanten Arbeiten durch andere Mitarbeitende übernommen werden. Resultat: Keine unnötige Erhöhung des Stresslevels und somit auch weniger Gefahr weiterer Absenzen.
Jeder dieser Punkte trägt dazu bei, die Wirtschaftlichkeit eines Betriebes zu steigern.
Die Investition in Prävention zahlt sich nicht nur kurzfristig, sondern insbesondere auch langfristig aus. Weniger Unfälle bedeuten niedrigere Versicherungsprämien, weniger Produktionsunterbrechungen und eine höhere Lieferbereitschaft. In einem Arbeitsumfeld, welches Wert auf Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz legt, fühlen sich die Mitarbeitenden wertgeschätzt. Dies steigert die Motivation und damit auch die Leistungsbereitschaft.
Mehrwert für den Betrieb
Ein sicherer Betrieb bringt Vorteile, die weit über die direkte Kostenersparnis hinausgehen. Weniger Ausfälle bedeuten stabile Abläufe und höhere Produktivität. Sicherheit zeigt Professionalität – bei Kunden, Partnern und Mitarbeitenden. «Gesunde» Arbeitsbedingungen erhöhen die Attraktivität als Arbeitgeber und helfen, Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Zudem steigert eine gelebte Sicherheitskultur das Vertrauen innerhalb des Betriebs und fördert die Identifikation der Mitarbeitenden zu ihrem Arbeitgeber.
Prävention wirkt sich positiv auf die gesamte Organisation aus: Sie reduziert Stress, verbessert die Kommunikation und stärkt das Verantwortungsbewusstsein. Betriebe, die in Sicherheit investieren, schaffen ein Umfeld, in dem sich Mitarbeitende wohl fühlen und ihre Leistung steigern können. Das ist nicht nur gut für die Menschen, sondern wirkt sich auch positiv auf die betriebswirtschaftlichen Aspekte aus.
Eine internationale Studie der IVSS (Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit) mit Schweizer Beteiligung kam zu dem Ergebnis, dass jeder in die Prävention investierte Franken einen wirtschaftlichen Nutzen von Franken 3.80 generiert. (Quelle: Berechnung des internationalen „Return on Prevention“ für Unternehmen, Abschussbericht ISSA/DGUV/BG ETEM)
Konkrete Massnahmen für mehr Arbeitssicherheit
Was können Betriebe konkret tun?
- Regelmässige Schulungen – kurz, praxisnah und integriert in den Arbeitsalltag.
- Sichere Arbeitsmittel und PSA bereitstellen und deren konsequente Nutzung sicherstellen.
- Absenzen systematisch analysieren und frühzeitig reagieren, geeignete Massnahmen ergreifen, bevor sich Probleme häufen.
- Psychische Gesundheit durch Stressprävention, offene Kommunikation und Unterstützung durch Führungskräfte fördern.
Darüber hinaus lohnt es sich, Synergien zu nutzen: Sicherheitsinformationen können in bestehende Meetings integriert werden, Kampagnen der bfu zur Nichtberufsunfallprävention sind kostenlos verfügbar und lassen sich über die Infokanäle verteilen. Ein zentraler Einkauf von PSA und Arbeitsmitteln spart Geld und sichert eine gleichbleibende Qualität und senkt Kosten.
Zu guter Letzt: Nachhaltigkeit entsteht, wenn Prävention fest im Managementsystem verankert ist – mit klaren Verantwortlichkeiten, definierten Zielen und regelmässigen Audits.
Fazit
Arbeitssicherheit ist keine lästige Pflicht und kein Kostenfaktor sondern ein wirtschaftlicher Hebel. Jeder Franken für Prävention spart ein Vielfaches an Unfall-, Krankheits- und weiteren Folgekosten. Betriebe, die Sicherheit ernst nehmen, sind nicht nur gesetzeskonform, sondern auch produktiver, attraktiver und erfolgreicher – resilienter.
*Autor:
Reto Wicki
Spezialist ASGS mit eidg, Fachausweis
Berater ASGS&IRM
Swiss Safety Center
