Der Notfall-Plan: Sicherheitsexperte Marton Jovanovics zeigt, wie man bei Überfällen, Belästigungen oder Eskalationen ruhig bleibt, klar denkt – und das Richtige tut.
Ich erinnere mich an einen Einsatz vor ein paar Jahren in einer osteuropäischen Grossstadt. Mein Klient war ein Investigativjournalist – untergetaucht, bedroht, nervös. Wir sassen in einem Café, als ein Mann in schwarzer Jacke hereinkam, stehen blieb und uns musterte. Mein Puls war ruhig, aber fokussiert. Ich wusste, was ich tun musste – weil ich es hunderte Male im Kopf durchgespielt hatte.
Und genau das ist der Punkt: Wer vorbereitet ist, entscheidet besser. Wer überrascht wird, reagiert oft falsch.
Als Personenschützer und Trainer sehe ich immer wieder, wie leicht Menschen sich in falscher Sicherheit wiegen – und wie schnell diese zerbrechen kann. Viele glauben: „Wenn es ernst wird, reagiere ich instinktiv richtig.“ Doch das Gegenteil ist der Fall. Angst verengt die Wahrnehmung. Adrenalin blockiert klares Denken. Und in genau diesen Momenten entstehen Fehler, die man sich später vorwirft – oder nicht mehr korrigieren kann.
Gefahr ist selten angekündigt – aber fast immer vorher spürbar
Gefährliche Situationen kündigen sich leise an. Es ist dieser Moment im Parkhaus, wenn Schritte hinter dir schneller werden. Oder in der U-Bahn, wenn jemand dich zu lange anschaut, zu nah rückt. Viele spüren: Irgendetwas ist nicht okay. Aber sie ignorieren es. Aus Höflichkeit. Aus Unsicherheit. Aus der Hoffnung, dass es schon gut geht.
Genau hier beginnt Selbstschutz: beim Vertrauen in das eigene Bauchgefühl. Unser Körper erkennt Gefahr oft, bevor der Kopf sie rational einordnen kann.
Der 3-Schritte-Plan, den jeder kennen sollte
Ich trainiere Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten – Manager:innen, Student:innen, Rentner, Türsteher. Für alle gilt derselbe Grundsatz: Klarheit schlägt Kraft. Und genau deshalb arbeite ich mit einem einfachen, universellen Notfallplan:
1. Wahrnehmen
Sei präsent. Nicht ins Handy starren, nicht weghören. Wer seine Umgebung bewusst wahrnimmt, erkennt Warnsignale früher. Und wer ein komisches Gefühl hat – vertraue ihm. Lieber einmal zu viel reagiert als einmal zu spät.
2. Entscheiden
Was will die andere Person? Ist sie nur aufdringlich – oder potenziell gefährlich? Gibt es Fluchtwege? Zeugen? Offene Geschäfte oder helle Bereiche in der Nähe?
Mentale Werkzeuge – dein unsichtbares Schutzschild
Die meisten Menschen denken beim Selbstschutz an Kampftechniken. An Tritte, Schläge, Würfe. Aber das Entscheidende passiert vorher – im Kopf. Ich arbeite mit mentalen Tools, die einfach, aber extrem wirkungsvoll sind:
- Das innere Stoppschild: Stell dir in Stressmomenten ein rotes Schild vor. Es hilft, nicht panisch zu reagieren, sondern innezuhalten und bewusst zu handeln.
- Das Sicherheitsmantra: Ein kurzer Satz wie „Ich bleibe ruhig und handle klug“ gibt deinem Gehirn eine klare Anweisung – und stoppt den Angstkreislauf.
- Szenarien-Training: Je öfter du Gefahrensituationen geistig durch spielst oder in Rollenspielen trainierst, desto eher greifst du in der Realität auf diese Strategien zurück. Im Stress greift das Gehirn auf gespeicherte Muster zurück – nicht auf spontane Heldentaten.
Was Menschen falsch machen – und wie man es besser macht
Auch das ist Teil meines Jobs: Fehler analysieren. Und dabei sehe ich vor allem drei Muster:
Fehler 1: Schweigen aus Scham oder Unsicherheit
Viele wollen keinen „Aufstand“ machen. Aber Schweigen wird oft als Schwäche oder gar Zustimmung gedeutet. Sag etwas – laut und deutlich.
Fehler 2: Eskalieren aus Stolz
Das Gefühl, sich „nicht unterkriegen“ lassen zu wollen, führt oft zu gefährlichem Verhalten. Der klügste Mensch ist nicht der, der gewinnt – sondern der, der heil nach Hause kommt.
Fehler 3: Hoffnung statt Handlung
„Wird schon nichts sein.“ Dieser Satz steht sinnbildlich für passives Verhalten. Aber wer Gefahr herunterspielt verliert Reaktionszeit und schenkt dem Täter Raum.
Sicher leben – ohne Angst, aber mit Klarheit und einem Notfall-Plan
Ich will keine Angst verbreiten. Angst blockiert. Was ich vermitteln will, ist etwas anderes: Bewusstsein. Ein geschärfter Blick. Und ein mentaler Notfallkoffer, der jederzeit abrufbar ist.
Ich habe erlebt, wie Menschen durch Training ihre Haltung verändern. Wie sie sich aufrichten. Klarer sprechen. Entschlossener handeln. Das verändert nicht nur den Moment der Gefahr – es verändert das ganze Leben.
Denn Sicherheit beginnt mit innerer Stärke. Und die ist trainierbar.
Über den Autor
Marton Jovanovics ist Experte für Selbstverteidigung, Personenschutz und Sicherheitsberatung. Als Close Protection Officer und Bodyguard verfügt er über umfassende Erfahrung im Schutz von Personen in Hochrisikogebieten. Er kombiniert Kampfsporttechniken wie Muay Thai mit modernen Sicherheitsstrategien und bietet praxisnahe Trainingsmethoden an. Am 1. Februar 2025 eröffnete er ein neues Trainingszentrum mit modernster Ausstattung. Mit seiner Leidenschaft für Kampfsport und Sicherheit vermittelt er Menschen die Fähigkeiten und das Selbstvertrauen, sich in gefährlichen Situationen zu schützen. Mehr unter https://hallofwarriors.de/
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