Inventurdifferenzen im Einzelhandel entstehen selten zufällig. Viel öfter steckt dahinter Ladendiebstahl, und viele Delikte folgen einem wiederkehrenden Muster: Die Täter bewegen sich vor, während und nach einer Straftat durch klar definierbare räumliche Bereiche.
Auf Basis dieser Bereiche hat das US-amerikanische Loss Prevention Research Council (LPRC), die in den USA führende Forschungsorganisation im Bereich Verlustprävention, ein Fünf-Zonen-Modell entwickelt, das Einzelhändler dabei unterstützen soll, Risiken für jede Zone zu definieren und sich mit gezielten Schutzmassnahmen effizienter vor Diebstahl zu schützen. Dieses Modell wird auch von Sicherheitstechnologieanbietern wie Axis Communications genutzt, um ihre Technologielösungen an die Anforderungen der jeweiligen Zone anzupassen und so mit ihnen den größtmöglichen Effekt zu erreichen.
Die fünf Zonen umfassen die nähere Umgebung, Parkflächen, Ladenein- und -ausgänge, Verkaufsflächen sowie Bereiche mit besonders hohem Diebstahlpotenzial. Der Vorteil dieses Ansatzes: Sicherheitsmassnahmen werden nicht erst am Ort des eigentlichen Diebstahls implementiert, sondern bereits deutlich früher und damit präventiver. Im Kern geht es darum, entlang aller fünf Zonen drei wiederkehrende Prozesse zu etablieren: Datenerfassung beim ersten Kontakt, Untersuchung verdächtiger Vorfälle und Massnahmen gegen Wiederholungstäter.
Die fünfte Zone: Nähere Umgebung
Die fünfte Zone beginnt bereits ausserhalb der eigentlichen Geschäftsflächen, denn erste Hinweise auf einen möglichen Ladendiebstahl entstehen oftmals bereits in der näheren Umgebung, etwa in Form von auffälligen Verhaltensmustern oder unbekannten Personen und Fahrzeugen, die zu lange verweilen oder das Geschäft beobachten. Relevant ist hier vor allem der strukturierte Austausch von Informationen zwischen Filialen, Sicherheitsverantwortlichen und gegebenenfalls Strafverfolgungsbehörden: Informationen wie Täterbeschreibungen, Bewegungsmuster, Vorfallzeitpunkte oder Fahrzeugdaten können so zentralisiert gesammelt und insbesondere Wiederholungstäter frühzeitig identifiziert werden.
Dabei können vernetzte Sicherheitslösungen unterstützen, zum Beispiel durch die standortübergreifende Bereitstellung von Videodaten oder die automatisierte Erfassung relevanter Ereignisse. Im Mittelpunkt steht an dieser Stelle also nicht der einzelne Vorfall, sondern das Erkennen von Zusammenhängen.
Die vierte Zone: Parkflächen
Parkflächen bilden häufig den ersten physischen Kontaktpunkt zwischen Täter und Geschäftsflächen. Hier können verdächtige Aktivitäten, die auf einen möglichen Ladendiebstahl hindeuten, zum ersten Mal konkret erkannt werden, bevor ein Schaden entsteht. Intelligente Videosicherheitslösungen mit KI-gestützten Analysefunktionen können an diesem Punkt Fahrzeuge, Personen und Bewegungsmuster erfassen und so auffälliges Verhalten – wie längeres Verweilen oder ungewöhnliche Bewegungsabläufe – identifizieren.
Ergänzend dazu ermöglichen Systeme zur Kennzeichenerkennung die Erfassung von Fahrzeugdaten, und akustische Analysen können potenziell auf Gefahr hindeutende Geräusche, wie zerbrechendes Glas oder aggressive Stimmen, erkennen.
Die dritte Zone: Ladenein- und -ausgänge
An den Ladenein- und -ausgängen betreten potenzielle Täter das Geschäft. Sicherheitstechnisch geht es in dieser Zone vor allem um Verhaltensanalyse, Prävention und Zugangskontrolle. Die in den früheren Zonen gewonnenen Informationen liefern bereits Hinweise auf verdächtiges Verhalten – und damit auf möglichen Ladendiebstahl, und sichtbare Monitorsysteme im Eingangsbereich können eine präventive, abschreckende Wirkung haben. Die Nutzung digitaler Zugangssysteme an Ein- und Ausgängen stellt ausserdem sicher, dass nur autorisierte Personen potenziell sensible Eingangsbereiche wie Lager- oder Lieferzugänge nutzen und dass das Betreten der Geschäftsflächen durch Personen transparent und nachvollziehbar dokumentiert wird.
Die zweite Zone: Verkaufsflächen
Auf den Verkaufsflächen liegt der Fokus auf Verhaltensanalysen, um eine kontinuierliche Übersicht über die aktuelle Situation zu erlangen, denn gerade in grossen oder unübersichtlichen Ladengeschäften ist es eine Herausforderung, verdächtige Aktivitäten frühzeitig zu erkennen, ohne dafür übermässige Personalressourcen zu binden. Eine Alternative stellen Multisensor- und Panorama-Kameras dar, die es ermöglichen, grosse Flächen und gleichzeitig Details mit nur wenigen Systemen zu erfassen.
So lassen sich die Bewegungsmuster verdächtiger Personen nachvollziehen, ohne andere Bereiche aus dem Blick zu verlieren. Gleichzeitig können an dieser Stelle KI-basierte Analysefunktionen dabei unterstützen, ungewöhnliche Veränderungen im Warenbestand zu erkennen – etwa plötzlich geleerte Regale oder untypische Zugriffsmuster auf hochwertige Produkte. Zudem kann in dieser Zone auch die Kombination solcher Systeme mit elektronisch gesicherten Vitrinen oder Zugriffssystemen sinnvoll sein.
Die erste Zone: Bereiche mit hohem Diebstahlpotenzial
Die erste Zone umfasst jene Bereiche, in denen Inventurdifferenzen unmittelbar entstehen – etwa in Hochwertwarenbereichen und an Kassen, insbesondere an Selbstbedienungskassen. Hier steht die unmittelbare Erkennung konkreter Vorfälle im Fokus. Systeme mit Analysefunktionen können beispielsweise erkennen, wenn Artikel nicht oder fehlerhaft gescannt werden oder Einkaufswagen in ungewöhnlicher Richtung den Kassenbereich verlassen.
Auch interne Risiken lassen sich so besser kontrollieren: Analysefunktionen erkennen zum Beispiel ungewöhnliche Kassenöffnungen ohne erkennbaren Kundenvorgang und erleichtern so Nachforschungen. Ergänzend können vernetzte Audiosysteme eingesetzt werden, um in kritischen Situationen unmittelbar einzugreifen – etwa durch automatische Durchsagen oder direkte Kommunikationsmöglichkeiten mit Mitarbeitenden.
Ladendiebstahl: Vom Einzelereignis zur Präventionsstrategie
Der entscheidende Vorteil des Fünf-Zonen-Modells liegt in der Verknüpfung von Technologien und Informationen entlang des gesamten Täterwegs. In jeder Zone liefern die Technologielösungen Daten, die in der nächsten Zone relevant werden können. Wird ein Vorfall erkannt, lassen sich Bewegungsabläufe rekonstruieren, Muster identifizieren und daraus Massnahmen ableiten. So wird aus klassischer Videoüberwachung ein datenbasierter Präventionsansatz, der nicht nur auf Vorfälle reagiert, sondern Risiken frühzeitig sichtbar macht. Denn wirksame Verlustprävention beginnt nicht erst an der Kasse – sondern oft schon weit davor.
