Gemessen an seiner Fläche ist Wald das wichtigste Element des Lawinenschutzes, das günstigste und ein natürlich nachwachsendes. Es ist eine Erkenntnis aus dem Winter 1951, als über 1000 Lawinen immense Schäden anrichteten. Das SLF begann zu forschen, wie sich Schutzwald nachhaltig entwickeln kann.
Viele Menschen fühlten sich unterhalb eines Waldes sicher, als im Winter 1950/51 in zwei kurzen Niederschlagsperioden über zwei Meter Schnee fielen – zuckriger, feiner Schnee, dessen Kristalle sich kaum miteinander verbanden. Im Januar traf es die Alpennordseite, im Februar die Südseite. Doch wie Lawinenkarten zeigen, lösten sich die Schneemassen oft im Bereich der Waldgrenze oder darunter, die mittlere Höhe lag auf rund 2060 Meter über Meer.
«Die Anbrüche vollzogen sich auch an Orten, wo seit Menschengedenken keine Lawinen beobachtet wurden», steht in der Dokumentation der viertägigen, wissenschaftlichen Tagung, die das Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF im Oktober 1952 in Davos durchführte. Thema war der «Lawinenwinter 1950/51 und die daraus ergebenen Folgerungen für Lawinenverbauungen». 98 Menschen kamen damals ums Leben, wobei «einige der Toten hätten verhindert hätten können, wenn Schutzwald dort gestanden hätte, wo von Natur aus Schutzwald stehen könnte», ordnet SLF Schutzwald-Experte Peter Bebi ein.
Ein Gesetz für den Schutzwald
Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhundert bestand in den Bergregionen ein grosses Bedürfnis an Holz als Baumaterial und Energielieferant. Wälder wurden stark übernutzt oder sogar kahlgeschlagen. Dazu kam eine zu intensive Beweidung, welche die Verjüngung verhinderte. Es folgen Lawinen, Erdrutsche und Überschwemmungen. Erst mit dem Forstgesetz von 1876 schützte das Schweizer Volk den Schutzwald wirksam und förderte ihn durch Aufforstungen. Massgeblich beteiligt war dabei der damalige eidgenössische Oberforstinspektor Johan Coaz.
Die Waldgrenze – früher und heute
Die natürliche Waldgrenze variiert in den Alpen stark und liegt entlang eines Höhengradienten von etwa 1800 m in den Voralpen bis rund 2300 m in den Zentralalpen (im Durchschnitt ca. 2050 m ü. M.). In den letzten Jahrzehnten, verstärkt seit der Erwärmung ab den 1980er-Jahren, ist ein Anstieg der Waldgrenze zu beobachten, der im Mittel etwa 1 m pro Jahr beträgt.
Dabei bestehen jedoch grosse räumliche Unterschiede: Viele durch Beweidung kontrollierte Waldgrenzen haben sich seit 1951 nicht verlagert. Demgegenüber kam es in einigen Regionen zu deutlich stärkeren Anstiegen, insbesondere dort, wo aktive Aufforstungsmassnahmen stattfanden oder die Beweidung aufgegeben wurde.

Flächenmässig der wichtigste Schutz
Als 1951 die grossen Schneefälle einsetzten, hatte sich der übernutzte, lichte Wald noch nicht gänzlich erholt. «In Kombination mit den grossen Mengen lockerem Schnee führte dies insbesondere im Januar 1951 zu Situationen, welche die Schwachstellen des Schutzwaldes gnadenlos offenlegten», schildert Peter Bebi die Situation von damals. Die Mehrheit der über 1000 Schadenlawinen erfasste Waldflächen – insgesamt 2100 Hektare.
Der SLF-Schutzwald-Experte ergänzt: «Die Forschungen, die auf den Lawinenwinter 1951 folgen, zeigten, dass der Wald das kostengünstigste und flächenmässig das wichtigste Element des Lawinenschutzes ist, dazu wächst es natürlich nach.» Zu einem ähnlichen Schluss kamen die Experten der wissenschaftlichen Tagung 1952, die «keine Lawinenverbauung ohne Aufforstung» forderten, was Bebi einordnet mit: «Was natürlich nur sinnvoll ist in waldfähigen Höhenlagen.»

Erkenntnisse aus dem Stillberg
Der Lawinenwinter 1951 führte zu einer intensiven Zusammenarbeit des SLF mit der Eidg. Anstalt für das forstliche Versuchswesen, der heutigen WSL. Gemeinsam entwickelten sie geeignete Techniken, um in höheren Lagen gut strukturierten Schutzwald aufzubauen.
Zentrale Erkenntnisse liefert die Forschungsfläche Stillberg an der Waldgrenze im Davoser Dischmatal. Während Setzlinge früher meist geometrisch in Reih und Glied gepflanzt wurden, tendiert man heute stärker dazu, die Bäumchen gruppenweise mit Abständen dazwischen zu platzieren. Das Ziel ist eine Vielfalt in Waldstruktur, Art und Alter. Heute schützt rund die Hälfte des Schweizer Waldes Ortschaften, Strassen und Bahnlinien vor Naturgefahren, wie Lawinen oder Erdrutsche.
Der Lawinenwinter 1950/51 – Ausnahmezustand in der Schweiz
Weit überdurchschnittliche Niederschläge im November, Januar und Februar führten in die Katastrophe. Allein Mitte Januar schneite es 88 Stunden lang ununterbrochen. Die Neuschneemengen von bis zu 250 cm kommen so nur etwa alle fünfzig bis hundert Jahre vor. Die Fakten:
- Zwei traurige Höhepunkte in Januar und Februar
- Weit über tausend gemeldete Schadlawinen
- 98 Tote
- 234 Verschüttete
- 235 Stück getötetes Vieh
- Rund 1500 zerstörte Gebäude
- Besonders betroffen: Airolo (TI), Andermatt (UR) und Vals (GR)
- Finanzieller Schaden im niedrigen, dreistelligen Millionenbereich (inflationsbereinigt)
- 30 000 Kilogramm Gebrauchsgüter in 167 Flugstunden aus Flugzeugen über abgeschnittenen Gemeinden abgeworfen
SLF-Serie: Lawinenwinter 1951
Teil 1: Wie es zur Katastrophe kam und welche Folgen sie hatte
Teil 2: Wie die SLF-Forschung nach dem Lawinenwinter half, Schutzverbauungen zu verbessern
Teil 3: Wie SLF-Forschende begannen, Gefahrenkarten zu entwickeln und was diese aussagen
Teil 4: Welche Erkenntnisse das SLF in den Jahrzehnten nach 1951 zum Thema Schutzwald gewonnen hat
Links
Coaz – Pionier der schweizerischen Lawinenforschung
Quelle: SFL





